Ist jemand, der mehr als 200 Millionen Dollar an der Börse verdient hat, besonders talentiert, oder kann das jeder?

Richard Dennis und William Eckhardt wollten das herausfinden. Dennis hatte in 18 Jahren aus 400 US-Dollar Starkapital über 200 Millionen US-Dollar gemacht. Er behauptete, jeder könne das Traden und sein Trading-System lernen. Eckardt, der ebenfalls ein sehr erfolgreicher Futures-Händler war, behauptete dagegen, dass Dennis extrem talentiert sei und nicht jeder das so gut machen könnte.

Die Geschichte der Turtle-Trader

Also machten die beiden sich daran, ihre jeweiligen Behauptungen zu überprüfen. Sie fassten ihr Trading-System in klar definierte Regeln, die sie das „Turtle Trading System“ nannten.
Der Name stammt von einem Zitat, welches Dennis nachgesagt wurde:

„„‚ wir werden Trader züchten – gerade so, wie sie in Singapur Schildkröten züchten.“

In diesem System definierten Sie klar, wann eine Position zu eröffnen ist undwann sie wieder zu schließen ist. Ebenso legten sie Positionsgrößen, das Risikomanagement und alles, was zu einer erfolgreichen Strategie dazugehört, fest. Ein ausführliches Beispiel für so ein Trading-System, das auf den Grundzügen des Turtle-Tradings basiert, finden Sie auf tradingplan.org.

Dennis und Eckhardt schalteten 1983 eine Anzeige im Wallstreet-Journal und wählten aus über 1.000 Bewerbern 13 Leute ohne jegliche Börsenerfahrungen aus, die von ihnen ihr Trading-System lernen sollten.

Die Auswahl der Leute erfolgte über eine Reihe von Fragen, die jedoch keinesfalls auf Börsenfachwissen abzielten, sondern eher auf die psychologische Verfassung der Teilnehmer. Von Lieblingsfilm, Lieblingsbuch, historischen Figuren bis hin zu eingegangenen Risiken, der persönlichen Motivation und verschiedenen Charaktereigenschaften.

Die ausgewählten Neu-Trader erhielten zunächst ein Demokonto. Die besten 10 aus der Demokonto-Phase qualifizierten sich für ein Echtgeld-Trading-Konto mit einem Startkapital zwischen 500.000 und 2.000.000 US-Dollar. In den darauf folgenden vier Jahren machten diese 10 Teilnehmer im Schnitt über 80 % Gewinn und einige von ihnen sind heute noch erfolgreiche Trader.

Dennis sollte letztendlich recht behalten. Bis heute ist das Turtle-Trading-System die Grundlage einiger erfolgreicher Strategien und wird in abgewandelter Form bis heute eingesetzt. Die Menschen lieben natürlich solche Geschichten, aber dass diese über 30 Jahre alte Geschichte bis heute erzählt wird, liegt ganz einfach auch daran, dass es nicht so viele von ihnen gibt.

Die Strategie des Turtle-Tradings

Die Strategie ist eine einfach Trendfolge-Strategie, wie sie auch im Buch vorgestellt wird. Die Grundidee ist, dass es immer schwierig ist, einen Trend vorherzusagen, aber einfach, einen bestehenden Trend zu erkennen.

Also sehen Sie sich den aktuellen Markt an und analysieren diesen mit einigen Fragen wie:

  • In welcher Trendphase befindet sich der Markt?
  • Aktuelle Volatilität? Hier können Indikatoren wie die Average True Range helfen.
  • Positionsgröße/Risikomanagement
  • etc.

Mit den richtigen Antworten auf diese Fragen können Sie auch heute noch Ihre Trading-Routine erstellen und damit auch jeden einzelnen Trade festlegen. Trading-Routinen sind Handlungen, die Sie vor jedem Trade durchführen.

Anschließend eröffnen Sie Ihre Position immer dann, wenn ein Einstiegssignal auftritt und schließen sie automatisiert bei Erreichen des Stop-Losses. Die Details dazu finden Sie im Buch. Wichtig ist, dass Sie immer in Richtung des Trends handeln und unbedingt immer einen Stopp setzen!

Das Erfolgsgeheimnis des Turtle-Tradings

Das Erfolgsgeheimnis ist immer das, was alle wissen wollen.

Aber die Wahrheit ist, dass es kein Geheimnis, keine Abkürzungen und auch nur sehr selten die Millionen über Nacht gibt.

Die Regeln sind öffentlich bekannt und viele aktuelle Daytrading-Bücher greifen diese in abgewandelter Form auf.

Dennis hat dazu mal sinnbildlich sehr schön gesagt:

Ich könnte das Trading-System meines Turtle-Tradings morgen in der Zeitung posten und die meisten Menschen können ein System entwickeln, das zu 80 % mindestens genauso gut ist. Was die meisten Leute nicht können, ist die Disziplin und das Vertrauen in ihr System zu haben, um sich an ihre eigenen Regeln zu halten, auch wenn die Dinge mal nicht so gut laufen.

Wenn es ein „Geheimnis“ gibt, dann dieses. Vertrauen in die eigenen Trading-Regeln, den eigenen Tradingplan und absolute Disziplin. Die eigene Psyche ist die größte Herausforderung.

Fazit

Die Turtle-Trader sind mit ihrem Trading-System bis heute eine Legende und habeneine interessante Geschichte. Aus praktischer Sicht bildet das Turtle-Trading die Grundlage vieler bis heute erfolgreicher Trendfolge-Strategien. Dies war das erste Mal, dass jemand Trading in nachvollziehbaren und leicht erlernbaren Regeln beschrieb.

In den letzten Jahren hat sich jedoch einiges geändert und das System von damals wird heute nicht mehr 1:1 so funktionieren. Aber die Grundregeln der Marktanalyse, das Risikomanagement und die psychologischen Komponenten sind und bleiben bis heute aktuell und zeitlos.

Wenn Sie dieses Thema interessiert, können Sie sich das Buch „Turtle Trading“ von Michael Covel ansehen. Dort sind auch die Original Turtle-Trading-Regeln enthalten und viele Details zur Geschichte. Auch die im Daytrading für Einsteiger Buch enthaltene Trendfolge-Strategie basiert in vereinfachter praktischer Form auf diesen Prinzipien.